Denkfrühstück Februar 2025 Titelbild
Denkfrühstück

DER KLANG ALS SCHLÜSSEL ZU NEUER WAHRNEHMUNG

DENKFRÜHSTÜCK – DENKEN MIT DEN OHREN

„Wenn wir wirklich hören, verändert sich unsere Sicht auf die Welt.“ Sam Auinger

Unsere Sinne bestimmen, wie wir die Welt erleben – doch selten schenken wir dem Hören die Aufmerksamkeit, die es verdient. Am 25. Februar 2025 wurde ein neuer Blick – oder besser gesagt: ein neues Hören – auf Kommunikation eröffnet. Rund 200 Teilnehmer sind der Einladung zum ersten Denkfrühstück des Jahres auf die Mainstage im Dom Cafe Linz, 9 HOSTS und in den Livestream für einen Blick über den Tellerrand gefolgt.

Christoph Schumacher
© Reinhard Winkler

„Wir beschäftigen uns in der Kommunikation intensiv mit unseren fünf Sinnen, um eindrucksvolle Erlebnisse zu schaffen. Klang ist nicht nur ein Begleiter, sondern prägt unsere Wahrnehmung und unser Verhalten tiefgehend.“

so Christoph Schumacher, Obmann der Fachgruppe Werbung & Marktkommunikation der WKOÖ

SAM AUINGER: WIE WIR MIT DEN OHREN DENKEN

Mit einem lauten Klatschen holte Klangkünstler Sam Auinger das Publikum ins Thema: die auditive Wahrnehmung und ihre Bedeutung für unser Denken. „Alleine durch ein Klatschen aktivieren sich vier Systeme in uns: Akustik, Psychoakustik, Orientierung und Reflexe. Unser Hörsinn hat uns als Jäger und Sammler geholfen zu überleben – doch heute fragen wir uns viel zu selten: Wie spricht die Welt eigentlich zu mir?“

Als einer der führenden Klangforscher Europas beschäftigt sich Auinger seit mehr als 25 Jahren mit den akustischen Qualitäten urbaner Räume und deren Einfluss auf unser Verhalten. Er verdeutlichte, dass unsere Welt stark visuell dominiert ist, während das Hören oft vernachlässigt wird.

© Eric Krügl

Doch Klang ist immer da – jede Bewegung verursacht Schall, jede Umgebung spricht zu uns. „Wenn wir bewusst innehalten und hören, offenbart sich eine neue Welt“, sensibilisiert Auinger die Community.

© Eric Krügl

HÖREN ALS SCHLÜSSEL ZUR BEWUSSTEN WAHRNEHMUNG

Hören ist mehr als ein akustischer Sinn – es ist ein Zusammenspiel von Ohr und Gehirn. Wir erkennen Stimmen, erinnern uns an sie und entschlüsseln Muster, oft unbewusst. „Mein Großvater konnte durch Klopfen auf Holz dessen Qualität bestimmen. Heute gehen viele dieser feinen akustischen Wahrnehmungen im ständigen Hintergrundrauschen verloren“, so Auinger. Unser Gehirn filtert 99 % der Geräusche, um uns nicht zu überfordern – doch damit verlieren wir auch wertvolle Informationen.

UNSER HÖREN VERÄNDERT SICH IM LAUFE DES LEBENS

Während wir in der Jugend das gesamte Frequenzspektrum wahrnehmen, nimmt diese Fähigkeit mit zunehmendem Alter ab. Mit 70 Jahren können wir nur noch etwa die Hälfte der akustischen Informationen verarbeiten. Das hat weitreichende Folgen für die Orientierung und die Verständlichkeit von Sprache. Viele ältere Menschen verlieren insbesondere die hohen Frequenzen, was dazu führt, dass sie sich im Raum schlechter orientieren können. So setzt sich Sprache zum Beispiel aus Vokalen und Konsonanten zusammen, und gerade hohe Töne spielen eine wichtige Rolle bei der Unterscheidung bestimmter Laute. Oft unterschätzen wir, welchen Herausforderungen ältere Menschen in der Kommunikation begegnen, weil die feinen Unterschiede in der Klangstruktur verloren gehen. Sie benötigen nicht nur eine klare und angepasste akustische Umgebung, sondern auch visuelle Unterstützung, um Gehörtes besser zu verstehen. Bewusst auf das zu hören, was uns die Welt erzählt, ist daher nicht nur eine Frage der individuellen Wahrnehmung, sondern auch eine gesellschaftliche Verantwortung.

KLANG IST KULTURELL GEPRÄGT

Wie wir Klang deuten, hängt stark von Kultur und persönlicher Geschichte ab. In Indien ist Hupen ein Kommunikationsmittel im Verkehr, in Österreich oft ein Ausdruck von Ungeduld. Glockenklänge können für manche Spiritualität bedeuten, für andere Lärm. Auch unser Umfeld prägt uns: Ein Skateboarder nimmt das Geräusch rollender Räder positiv wahr, während es für andere störend ist.

WIE WIR LERNEN, BEWUSSTER ZU HÖREN

Hören ist nicht gleich Hören – unser Gehirn verarbeitet Klang auf unterschiedliche Arten, je nachdem, in welchem Kontext wir ihn wahrnehmen. Beim kausalen Hören erkennen wir die Ursache eines Geräuschs, etwa wenn eine Flasche klirrt und wir sofort wissen, dass sie zerbrochen ist

© Eric Krügl

Das semantische Hören ermöglicht es uns, Zusammenhänge zwischen Klängen herzustellen, wie es beispielsweise beim Hören von Musik der Fall ist. Beim reduzierten Hören konzentrieren wir uns ausschließlich auf die Tonhöhe, etwa wenn wir ein Instrument stimmen. Schließlich gibt es das affektiv-emotionale Hören, bei dem unsere Stimmung beeinflusst, wie wir Geräusche wahrnehmen.

Eine hektische, laute Umgebung kann es etwa deutlich erschweren, sich zu konzentrieren oder eine einfache Rechnung zu lösen. Besonders in lauten Agenturumgebungen oder offenen Räumen, die eigentlich Kommunikation fördern sollen, zeigt sich, wie stark Klang unser Denken und Arbeiten beeinflusst. Ein eindrückliches Beispiel dafür ist der Plenarsaal von Architekt Günter Behnisch im neuen Parlament in Bonn, das nach dem Krieg offen und transparent gestaltet wurde – allerdings ohne Rücksicht auf die Akustik. Erst als das Problem erkannt wurde, konnte der Raum funktional gemacht werden. Dies verdeutlicht, dass Klang nicht nur ein Begleiter unserer Umgebung ist, sondern aktiv unsere Wahrnehmung, Konzentration und Kommunikation steuert.

KLANG UND KOMMUNIKATION: NEUE IMPULSE FÜR DIE BRANCHE

Auinger teilte einen einfachen Trick, um Denken mit den Ohren zu üben: „Beim Warten auf den Bus innehalten und hinhören. Welche Geräusche fallen auf, die sonst untergehen? So öffnet sich eine neue Wahrnehmungsebene – und wir verstehen besser, wie Klang unseren Alltag, unsere Kommunikation und unser Empfinden beeinflusst.“ In der Marktkommunikation bietet das enorme Potenziale. Sound kann Markenidentitäten stärken, Emotionen steuern und die Verbindung zu Zielgruppen vertiefen. Gerade in Zeiten visueller Reizüberflutung wird Klang zum entscheidenden Differenzierungsmerkmal.

„Unser Job ist es, dafür zu sorgen, dass unser Gehirn und das Gehirn unserer Zuhörer*innen aktiv bleibt – dass wir nicht abstumpfen, sondern inspirieren“, betonte Christoph Schumacher abschließend.

DENKFRÜHSTÜCK BRINGT NEUE SICHTWEISEN FÜR DIE BRANCHE

Neben spannenden Impulsen bot das Denkfrühstück wie immer eine Plattform für Austausch und neue Kontakte. In den Gesprächen nach dem offiziellen Teil wurde klar: Wer anders hört, denkt auch anders. Viele in der Kreativbranche bewerten die Bedeutung von Klang für Markenführung und Werbung nun neu. Denken mit den Ohren hallt nach – als Denkanstoß und Einladung, Kommunikation bewusster zu gestalten.

„Wir wollen mit den Denkfrühstücken Blicke über den Tellerrand für die Community der Marktkommunikation hereinholen, inspirieren und neue Perspektiven eröffnen. Erfolg erfordert kreatives Denken – und das bedeutet auch, wie wir heute gehört haben, mit den Ohren zu denken. Um Höchstleistungen und echten Mehrwert für Kund*innen zu bieten, sind Kreative gut beraten die Wahrnehmung ständig neu zu hinterfragen.“, so Thomas Oberngruber, Geschäftsführer der WKOÖ Fachgruppe Werbung zu einem Denkfrühstück, das viele Ohren geöffnet hat.

Sam Auinger
© Jose Alejandro Rivera

ZUR PERSON SAM AUINGER:

Seine Arbeiten zeigen, wie sich Wahrnehmung durch bewusste auditive Auseinandersetzung vertiefen lässt – eine Erkenntnis, die auch für die Marktkommunikation wertvoll ist. Sam Auinger lebt in Berlin und ist weltweit als Klangkünstler, Akustikforscher und urbaner Denker aktiv. In den letzten 25 Jahren hat sich sein Werk um das zentrale Thema Hören verdichtet – die bewusste Wahrnehmung von Klangräumen und deren Einfluss auf unsere Umwelt und Kommunikation.

Mit Ausstellungen und Vorträgen in 36 Ländern hat der Klangkünstler und Vordenker der auditiven Wahrnehmung international Anerkennung erlangt. 2017 wurde er zur renommierten Documenta eingeladen – ein Meilenstein in seiner künstlerischen Laufbahn. Seine Resonanzarbeiten sind an sechs Standorten als Dauerausstellungen zu erleben, darunter Sonic Vista in Frankfurt, das seit 14 Jahren Bewusstsein für die akustische Qualität des urbanen Lebensraums schafft, sowie Harmonic Gate in Zürich, das an der Europaallee einen harmonischen Übergang zwischen Stadt und neuem Stadtteil gestaltet. In Hannover, einst als „autofreundlichste Stadt Deutschlands“ bekannt, begleitet er mit Stadtklang Hannover den Strukturwandel zur Hörregion Hannover.

Neben seinen Klanginstallationen hat seine Vortragstätigkeit an Architekturhochschulen wie der London School of Architecture und der TU Berlin praktische Auswirkungen auf die Gestaltung zukünftiger Stadtlandschaften. Seine Arbeiten inspirieren Architekt:innen, Stadtplaner:innen und die Kommunikationsbranche, Klang als strategisches Gestaltungselement zu begreifen – ein essenzieller Impuls für die multisensorische Zukunft der Marktkommunikation.

GEDANKEN-BLITZLICHTER DES DENKFRÜHSTÜCK

Rudolf Naderer beim Denkfrühstück
© Eric Krügl

„Der Vortrag von Sam Auinger hat mir nochmal richtig bewusst gemacht, wie sehr der Raum unsere Emotionen beeinflusst. Eigentlich logisch, aber im Alltag denkt man da viel zu wenig daran. Und das zweite, das ich mitnehme, ist, dass wir in einer Welt leben, die visuell total überreizt ist. Gerade mit Social Media. Da merkt man erst, wie wichtig Sound eigentlich ist, weil er oft das ist, was wirklich hängen bleibt und den Unterschied macht. Das nehme ich auf jeden Fall von diesem Denkfrühstück mit und werde wieder ganz anders durch die Welt gehen.“

Rudolf Naderer

Stefanie Glechner beim Denkfrühstück
© Eric Krügl

„Für mich war das echt ein Aha-Moment, dass Klang und Wahrnehmung je nach Alter total unterschiedlich wirken können. Was für Jüngere locker und leicht ist, kann für Ältere schnell stressig werden. Das hat mir nochmal gezeigt, wie wichtig es ist, genau hinzuschauen oder besser hinzuhören: Welche Zielgruppe spreche ich an? Welche Musik, welche Tonalität, welche Aussprache passt wirklich? Da will ich in der Kommunikation definitiv noch bewusster drauf achten.“

Stefanie Glechner

MarkeDich

Tina Radinger beim Denkfrühstück
© Eric Krügl

„Weil ich ein Online-Business habe und meine Kund*innen mich nur über den Bildschirm sehen, ist der Ton für mich einfach entscheidend. Wenn der Ton nicht passt oder ständig stockt, ist das total nervig und anstrengend – und meine Message kommt dann gar nicht richtig rüber. Es geht also nicht nur darum, dass die Technik funktioniert, sondern auch darum, wie man spricht: nicht zu laut, nicht zu langsam, keine monotone Stimme. Sonst hören die Leute einfach nicht mehr zu. Das war für mich echt eine wichtige Erkenntnis.“

Tina Radinger

Pulse Craft

FOTOGALERIE, VIDEO-RÜCKBLICK & BERICHTERSTATTUNG VOM MEDIENPARTNER LT1 OBERÖSTERREICH

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